Annäherung an den Begriff
Der Begriff der Haltung (griechisch hexis, lateinisch habitus) gilt in den Kognitionswissenschaften als ein Sammelbegriff, der sich entsprechend seiner Kontextualisierungen unterschiedlichster Beschreibungen und Definitionen erfreut. Haltungen können einerseits individuelle Charaktereigenschaften beschreiben, andererseits subjektive Theorien zur Haltung umfassen oder politisch-weltanschauliche Einstellungen betonen (Buschkotte, 2017). Dabei scheint der Begriff der Haltung einerseits in Mode gekommen zu sein, während er andererseits durch seine Unbestimmtheit und Vielfältigkeit in der Definition grundsätzlich schwer zu fassen ist.
In der Erwachsenenbildung bezeichnet die Haltung „im Sinne von Werthaltung das Verhalten eines Menschen gegenüber seinen Mitmenschen und seiner materiellen Umwelt.“ (Baumgart & Bücheler, 1998). Nach diesen Autoren werden die Begriffe der Haltung und der Einstellung oftmals synonym verwendet, auch wenn eine Haltung normalerweise aus vorgeprägten Einstellungen resultiert. Ein weiterer der Haltung nahe liegender Begriff ist der Begriff der „Verfassung“, der eher so definiert wird, dass er einen psychischen und seelischen Zustand, eine Stimmung und seelische Lage und Gemütsverfassung beschreibt (Wahrig, 2002). Josten (2017) hebt hervor, dass es Menschen ohne Haltung nicht gibt. Vielmehr sagt die Schriftstellerin: „Wir sind unsere Haltungen“ (Josten, 2017), wohingegen Reber und Reber (2001) Haltungen auf unterschiedliche Weise beschreiben:
Haltung ist erlernt
Wie auch für den Begriff der „Haltung“ gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs der „Inneren oder äußeren Haltung“. Ludwig (2005, 4) beschreibt den Begriff der inneren Haltung als einhergehend mit Assoziationen wie Einstellung, Entstehung und Einflussfaktoren, innere Verfassung und innere und äußere Haltung. Nach Gräßner (2003) wird die innere Haltung besonders, wie auch in Nietzsches (1996) Philosophie, durch Wahrnehmungsprozesse gesteuert. Relevant für die eigene Wahrnehmung sind dabei die Wahrnehmung innerer Prozesse wie Gefühle, Bedürfnisse, Gedanken, reflektierte Erfahrungen, aber auch die Wahrnehmung externer Prozesse, wie das Verhalten von Lernenden, die didaktischen Ansätze oder das Curriculum. Mauritz (2018) hebt hervor, dass besonders die Gedankenströme, die ungefiltert durch unser Gehirn ziehen, unsere Haltungen und unser Erleben stark beeinflussen. Oftmals geschieht dies unbewusst und entsprechend bewegen wir uns über geraume Zeiten während unserer Tätigkeiten in eher unbewussten Haltungszuständen. Frederickson (2011) hingegen hebt hervor, dass es besonders die „guten Gefühle“ sind, die unsere Haltung beeinflussen und positive auf unseren Körper, unsere Gedanken und unsere Körperhaltungen wirken. Positive Gefühle sind somit Ausdruck einer positiven Haltung und umgekehrt führt eine positive Haltung zur Verstärkung positiver Gefühle (Frederickson, 2011)
Um die eigene innere Haltung und ihren Einfluss auf das Umfeld wahrzunehmen, ist es wichtig, diese zu reflektieren, bewusst zu machen und ebenso bewusst einzusetzen. Das gilt sowie für positive Gefühle, die durch den Wahrnehmungsfokus gestärkt werden können, als auch für negative Gefühle, die dann verändert werden können (Frederickson, 2011).
Haltung im professionellen Kontext
Die Haltung von Menschen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind, werden beeinflusst von Lernarrangements, didaktischen Konzepten und Lehr- und Lehrsituationen, die zwischen den einzelnen Akteuren stattfinden (Metzger, 2011). Die Haltung von Erwachsenenbildner*innen und den zu bildenden Erwachsenen spielt eine besondere Rolle im Blick auf Einflussnahme und Handlungsmöglichkeiten im Lernfeld der Erwachsenenbildung. Sie soll dabei so geprägt sein, dass sie keine Einstellungsänderungen aufnötigen, sondern Angebote und Optionen aufzeigen soll (Metzger, 2011). Dabei kann die Haltung der Erwachsenenbildner*innen aktiv dazu genutzt werden, die Lernenden zu Entscheidungen zu führen, die zu einem lernwirksamen Verhalten beitragen und die Lernenden unterstützen, ihre eigenen Interessen und Ansätze zu explorieren. Thaler und Sunstein (2003, 2008) bezeichnen solch eine Haltung als „libertären Paternalismus“, der grundsätzlich positiv geprägt ist und dem Lernenden die absolute Freiheit der Entscheidung im Lernumfeld einräumt. Solch eine Haltung der Erwachsenenbildner*in ist für den Lernprozess von Wichtigkeit, da sie nicht nur rationale, sondern vielmehr psychische, motivationale und emotionale Prozesse mit einbezieht und den Lernenden „nudges“ („kleine Schubser“) in die Richtung gibt, als dass die Entscheidungen für die Lernenden immer als Vorteile verstanden werden (Thaler & Sunstein, 2008). Eine solche annehmende, positive Haltung in Bildungsprozessen von Menschen scheint von besonderer Wichtigkeit, um optimale Lernerfolge zu erzielen. Mörchen und Tolksdorf (2009) betont, dass die Haltung in der Erwachsenenbildung und Pädagogik charakterisiert sein sollte durch die Zugewandtheit., das innere Beteiligtsein, durch empathisches Einfühlen und Mitfühlen und in einer Balance mit Wissensvermittlung, Wissen und Fertigkeiten stehen und integriert sein sollte. Orientiert am Gegenüber kann die Haltung, besonders wenn sie vom problem- und defizitorientierten Denken Abstand nimmt, die Lernenden fordern und fördern auf Basis von Ressourcenorientierung, den Blick für Tallente und Motivationen (Mörchen & Tolksdorf, 2009). Nach Justen und Mölders (2015) geht es jedoch auch darum, aus dieser positiven Haltung heraus, eine Haltung der Neugier zu entwickeln, die Raum lässt, die Lernenden kennen zu lernen und sich entwickeln zu sehen. In der Erwachsenenbildung spiel zudem eine wichtige Rolle, welche früheren Lernerfahrungen und Haltungen die Erwachsenenbildner und die Lernenden zu Bildung haben (Reich-Claassen, 2016).
Es geht also darum, eine lernoffene Haltung gegenüber den Akteuer*innen und gegenüber den Einrichtungen des organisierten Lernens zu haben (Fuhr, Gonon & Hof, 2011) – und zwar auf innerer, als auch auf äußerer Haltungsebene. Dabei betonen andere Autor*innen, dass es für eine lernoffene Haltung wichtig ist, dass diese auch gleichzeitig eine fragende Haltung der Erwachsenenbildner*in in sich birgt, die Raum für (individuelle, diverse) Antworten lässt und die gleichzeitig mit einer werdenden, wachsenden Haltung verbunden sein sollte, Potenziale zulässt (Balmer, 2017). Dies gilt insbesondere für Menschen, die sich in Lernsettings befinden, die besondere Aufmerksamkeit, Haltungen und Einstellungen brauchen, wie beispielsweise in bestimmten sozio-kulturellen Settings oder aber auch in heilpädagogischen, integrativen oder inklusiven Settings der Erwachsenenbildung (Ackermann, 2012). Nach Ackermann (2012) braucht es insbesondere in solchen speziellen Kontexten und Settings eine Reflexion ethischer und anthropologischer oder heilpädagogischer Haltungen.
Relevanz des Themas für Kursleitende
In der Bildungsarbeit ist es wichtig, dass die Haltung der Erwachsenenbildner*innen einen positiven Ausdruck bekommt, der von den Lernenden entsprechend gedeutet und verstanden werden kann. Dabei spielt der Ausdruck von innerer Haltung durch die Köperhaltung, Mimik und Gestik, durch allgemein verbale und non-verbale Akte, aber auch durch paralinguistische Phänomene, wie beispielsweise der Tonfall, eine besondere Rolle (Fuchs, 2003). Die non-verbale Kommunikation drückt die Haltung der einzelnen Personen aus und lässt eine Gesprächsatmosphäre entstehen und Harrigan and Rosenthal (1986) haben in einer Studie festgestellt, dass Therapeuten mit leicht vorgeneigter Körperhaltung, offenen Bewegungen der Arme und Hände, häufigem Kopfnicken, einem warmen, zugleich professionell wirkenden Tonfall und einer eher lebhaften, Interesse und Teilnahme vermittelnden Gestik, eine deutlich bessere Wirksamkeit aufweisen als Therapeuten mit zurückgelehnter Haltung oder verschränkten Armen. Gleiches möge für den Bildungskontext gelten. Besonders zu beachten im westlichen Lern- und Lehrkontext ist dabei der Augenkontakt, der dabei helfen kann, Kontakt aufzunehmen, Engagement zu fördern, Verbindung und Vertrauen herzustellen (Metzger, 2011). Der Blick in die Augen der Lernenden bringt Zugewandtheit und Offenheit und kann Wertschätzung ausdrücken.
Die Haltung zeigt sich in den Emotionen, Gedanken, sprachlichen und non-verbalen Ausdrücken und dem körperlichen Ausdruck. Dies kann auf bewusster und auf unbewusster Ebene der Fall sein. Dabei spielen die Dynamiken der Interaktion zwischen den Akteuren und dem Lernumfeld, die zwischenmenschliche Beziehung der Akteur*innen und die Persönlichkeit der Erwachsenenbildner*innen eine wichtige Rolle. Diese Dynamiken und Interaktionen sind zudem nicht als universell einzustufen, sondern in ihren Ausprägungen kulturspezifisch (Mayer, 2008). Innerhalb einer Kultur gibt es viele Gemeinsamkeiten, beispielsweise wie Menschen ihre Einstellungen und Emotionen durch den Körper ausdrücken. Diese Haltungen und Einstellungen können oftmals von Menschen aus derselben Kultur oder kulturellen Gruppe leicht dekodiert und verstanden werden.